ZWISCHENRÄUME
 
Golling a. d. Erlauf
 
Zwangsarbeit in Golling
 
Besonders nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war die deutsche Wirtschaft von enormem Arbeitskräftemangel betroffen. Männer, die als Soldaten in den Krieg ziehen mussten, fehlten auf Bauernhöfen, in Industrie und Handwerk sowie in Propagandaprojekten wie dem Bau der Autobahn. Obwohl wie schon während des Ersten Weltkriegs viele Frauen zeitweise klassische Männerberufe einnahmen, wurden Kriegsgefangene und hunderttausende ZwangsarbeiterInnen aus den besetzten Gebieten eingesetzt. Fast jeder Bauernhof und jedes Industrieunternehmen bekam vom zuständigen Arbeitsamt ArbeiterInnen zugeteilt, so auch die traditionsreiche Hanf-, Jute- und Textilindustrie-Aktiengesellschaft HITIAG in Golling bei Pöchlarn.

Die HITIAG hat sich aus einer ursprünglich in Simmering gegründeten Jutespinnerei entwickelt. 1882 existierten Werke in Simmering, Floridsdorf und Budapest. Seit 1899 war die Firma Teil des Konzerns der Bodencreditanstalt, die nach der Krise von 1929 mit der Creditanstalt (CA) fusioniert hatte. 1919 wurde die "1. Österreichische mechanische Hanfspinnerei, Bindfaden- und Seilfabrik Pöchlarn" integriert und man konnte Produkte aus Hanf und Jute anbieten. Seitdem hieß der Konzern auch HITIAG. Mit der Übernahme der Jutespinnerei Neufeld 1929 hatte die HITIAG einen MitarbeiterInnenstand von 6.500. Ab den 1950er-Jahren begann der Abstieg des einstigen Weltkonzerns und ein Werk nach dem anderen wurde geschlossen, zuletzt die Fabrik in Stadl-Paura und das große, den Ort prägende Industriegebiet in Golling.
Nach Informationen des ehemaligen Mitarbeiters und Mitgründers des HITIAG- und Heimatmuseums Golling, Manfred Zwirner, soll die Zahl der ZwangsarbeiterInnen bis zu 375 Männer und Frauen umfasst haben. Diese wurden sowohl in der Spinnerei und im zum Werk gehörenden Landwirtschaftsbetrieb eingesetzt. Am Werksgelände wurde ein mit einem Holzzaun umfriedetes Barackenlager errichtet, die Hütten dienten nach Kriegsende als Umkleidekabinen für einen Sportplatz. Ein weiterer großer Lagerkomplex, von dem Teile bis heute stehen, befindet sich in einem Waldstück in der Nachbargemeinde Krummnußbaum. ZwangsarbeiterInnen, die in diesem Lager untergebracht waren, haben an einem nie fertiggestellten Ölhafen an der Donau gearbeitet. Gewaltige Betonfundamente sind in der Nähe des Bahndammes heute noch erhalten. Ein Großteil der ZwangsarbeiterInnen der HITIAG wurde aus der Ukraine rekrutiert, darunter besonders viele sehr junge Frauen. Die im Ortsmuseum erhaltenen Personal- und Krankenakten berichten von Geburten, es gab im Lager auch eine eigene Wöchnerinnenstation, wobei die Kosten für die Geburten vom Betrieb dem Arbeitsamt in Rechnung gestellt wurden. Die Personalakten belegen auch mehrfache Disziplinierungen der Frauen. Bei Fehlverhalten wurde ihnen mit der „Abholung“ durch die Gestapo gedroht. Im „HITIAG- und Heimatmuseum Golling" liegen etwa 90 Personal- und Krankenakten als Teil der bis in die 1990er Jahre reichenden allgemeinen Personalakten.