ZWISCHENRÄUME
 
Lunz am See
 
Volkszorn, Indoktrinierung und Mord durch die SS
 
Im Zuge der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich kam es in Lunz am See zu pogromartigen Szenen, die sich gegen den Lunzer Wilhelm Mathes richteten. Mathes hatte demonstrativ und öffentlich mit Nein abgestimmt und wurde kurz darauf von der Gendarmerie zuhause festgenommen, unter massiven Drohungen von Teilen der Lunzer Bevölkerung auf den örtlichen Wachposten überstellt und später in die Bezirkshauptstadt Scheibbs gebracht.

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich der vom Tourismus geprägte Ort Lunz am See im Rahmen der sogenannten erweiterten Kinderlandverschickung sowie als Standort der Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend zu einem Zentrum der nationalsozialistischen Indoktrinierung von Jugendlichen im Sinne der NS-Propaganda. Bis zu 500 Hitlerjungen waren im Raum Lunz an mehreren Standorten zur Wehrertüchtigung für den bevorstehenden Fronteinsatz einquartiert. Die Lagerleitung befand sich in einem Gebäude am Südufer des Lunzersees, das ab 1937 als „Gaujugendheim“ neu errichtet worden war. Leiter der Lunzer Wehrertüchtigungslager war ab 1944 Ernst Burian. Er war in der Kriegsendphase auch in die Massaker an ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen in Göstling, Randegg und Gresten involviert.

In der Nacht von 8. auf 9. Mai 1945 wurde im Keller des Gebäudes der Lunzer Rudolf Obendorfer, Angestellter des E-Werks Gaming, von unbekannten SS-Angehörigen ermordet, nachdem er am Nachmittag des 8. Mai 1945 mit Josef Kracker-Semler, dem HJ-Gebietsführer für Niederdonau (heute NÖ), in Streit geraten war.

Ein Mahnmal für Lunz am See
Sowohl Kracker-Semler als auch Burian wurden in Wien im Rahmen eines Volksgerichtsprozesses zu mehrjährigen Kerkerstrafen verurteilt, jedoch Anfang der 1950er-Jahre wieder aus der Haft entlassen. Das Gebäude am Südufer des Lunzersees wurde bis zu seiner Schließung im Jahr 2004 weiterhin als Jugendheim verwendet und ist seit 2007 Standort des Wasserclusters Lunz.
Am Gebäude wurde bereits 1948 von Angestellten und Arbeitern der Wiener Elektrizitätswerke eine Gedenktafel für den ermordeten Rudolf Obendorfer angebracht. Im Jahr 2016 wurde auf Initiative der Leitung des Wasserclusters Lunz und in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Lunz sowie der Abteilung Kunst und Kultur/Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich mit den Planungen für ein Mahnmal auf dem Areal des Wasserclustergebäudes begonnen. Das erste SiegerInnenprojekt für ein Mahnmal wurde jedoch aufgrund fehlender historischer Grundlagen verworfen und deren Erforschung in Auftrag gegeben. Auf Basis der Forschungsergebnisse erfolgte schließlich eine Neuausschreibung und ein neuer Wettbewerb, bei dem sich der Entwurf des Künstlers Florian Pumhösl durchsetzte.